Die regionale Resilienz

"Corona-Hotel" im Naturpark Haßberge

Eine Krise jagt die nächste. Wie können wir uns anpassen und konstruktiv damit umgehen? Genau darum geht es bei Resilienz. Und die 2020er-Jahre werden zum Jahrzehnt der Resilienz, meint das Zukunftsinstitut in seiner neusten Trendstudie Zukunftskraft Resilienz

Doch was unter Resilienz zu verstehen ist, hängt vom Zusammenhang ab, in dem dieser Begriff gebraucht wird: Ingenieure benutzen ihn, wenn sie dafür gesorgt haben, dass ein Atomkraftwerk nicht in die Luft fliegt, bloß weil jemand versehentlich den falschen Knopf gedrückt hat. Psychologen definieren damit die psychische Gesundheit von Menschen, wenn sie auch einen Rückschlag wegstecken können. Und Ökologen beschreiben damit die  Anpassungsfähigkeit von Lebewesen an die Erderwärmung.

Ebenso wird versucht, das Thema Resilienz auf Regionen zu übertragen.  Bereits 2018 hat Christian Förster in seiner Masterarbeit Regionale Resilienz – Konzept und Anwendungen im deutschsprachigen Raum zwanzig Regionen und Städte identifiziert, die den Begriff explizit in ihrer Außendarstellung, in Projekten und Strategiepapieren verwenden. Darunter die Forschungsprojekte Nordwest2050 der Metropolregion Nordwest (2009 – 2014) und Bottrop-2018+ der Stadt Bottrop (2016 – 2019), das resiliente Schwarzatal im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Thüringen (2012 – 2023), das LEADER-geförderte Projekt Die Verbandsgemeinde Daun – auf vielen WEGEn zu resilienten Dörfern in vier Modelldörfern der Vulkaneifel (2017 – 2020), das Projekt der Bayerischen Verwaltung für Ländliche Entwickung Resilienz im ländlichen Raum in der LEADER-Region Oberallgäu und in der Arbeitsgemeinschaft Obere Vils Ehenbach (AOVE) im Landkreis Amberg-Sulzbach (2015 – 2019, Dokumentation Resilienz und Landentwicklung) sowie die Lokale Entwicklungsstrategie Lebendige Dörfer der LEADER-Region Vorarlberg. 

Im Kern geht es den resilienten Regionen darum, sich an Veränderungen anzupassen, zum Beispiel auf den Klima- oder demographischen Wandel, ihre endogenen Potentiale (erneuerbare Energien, regionale Wirtschaft, Direktvermarktung, Landschaft, Tourismus, Gesundheitsversorgung, Generationenwohnen etc.) weiterzuentwickeln sowie ihre lokale bzw. regionale Handlungsfähigkeit durch Vernetzung (Forum der Pioniere, Zukunftswerkstatt, Wirtschaftsallianz, Reallabor) zu stärken.

Regionen befinden sich in ständigem Wandel – klingt selbstverständlich. Doch damit Wandel und radikale Veränderungen (Transformationen) von Regionen betrachtet und/oder aktiv vorangetrieben werden können, braucht die resilienzorientierte Regionalentwicklung ein neues, aufgeklärtes Verständnis von Resilienz, das die Wissenschaftler als reflexive (nicht kurzfristig, sondern vorausschauend) oder evolutionäre (als fortlaufender Prozess) definieren. Denn im klassischen Verständnis ist Resilienz ein konservatives Konzept, das verwendet wird, um Risiken zu minimieren, Gefahren abzuwehren und bisherige Strukturen (Status quo) wiederherzustellen. Und wenn sich zum Beispiel totalitäre Herrschaftssysteme als resilient erweisen, ist das problematisch.

Als eine neue Art der Betrachtung regionaler Entwicklung stuft das auch Christian Förster auf Seite 118 ein:

Im Vergleich zur statischen Zielorientierung an Nachhaltigkeit oder der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse bietet Resilienz einen dynamischeren, realitätsnäheren Ansatz, der Krisen einbezieht und die Möglichkeit zur konstruktiven Dekonstruktion bietet – alte, unnachhaltige und anfällige Strukturen zu überwinden und durch vielfältige, nachhaltigere neue Strukturen zu ersetzen. Resilienz stellt darin einen fundamentalen Mind-Shift dar, von der unbelehrbaren Fokussierung auf Schlüsselwerte und Ziele (wie Wirtschaftswachstum) hin zu einer demütigen Reflexion der eigenen Handlungen und Entwicklungen und der Bereitschaft neue Wege zu gehen – und das immer wieder.“

Wem das jetzt zu theoretisch wird, wird das Modell von Alistair Adam Hernández empfohlen, das er in seiner Dissertation Das resiliente Dorf entwickelt hat und anhand von Oberndorf an der Oste (1.364 Einwohner, bekannt durch den Film „Von Bananenbäumen träumen“) im Landkreis Cuxhaven, Wooler (1.983 Einwohner) in der englischen Grafschaft Northumberland und Albarracín (1.025 Einwohner) in der nordöstlichen spanischen Provinz Teruel erprobt hat. Es enthält neun Dimensionen wie z.B. „Schlüsselakteure“ und „Gemeinschaftliches Handeln & Entscheiden“ und kann auf die eigene Region angewendet werden. Das Modell und mögliche Fragestellungen hat er beim diesjährigen bundesweiten Leader-Treffen vorgestellt, wo auch die Präsentation abrufbar ist.

Ich, Ulrike Lilienbecker, bin der Meinung, dass wir im Moment eigentlich keine Zeit und Kraft in akademische Begriffsdefinitionen und die Frage, ob wir als Region nun resilient sind oder werden sollen, stecken sollten. Wir sollten unsere aktuellen Aufgaben klar benennen: Die Folgen der Corona-Krise abmildern und das Thema Klimawandel anpacken zum Beispiel. Oder zu versuchen, ganze Bevölkerungsgruppen, die uns abhanden gekommen sind, wieder ins Boot zu holen. Ich bin der Meinung, dass wir nicht nachlassen sollten, zu versuchen, die Welt zu verändern und zu verbessern. Und dass wir nach dem Warum fragen sollten, wenn uns Resilienz verordnet wird: Dass wir alles laufen lassen sollen und uns anpassen? Dass wir Verantwortung in den Regionen übernehmen für etwas, wofür wir gar keine Verantwortung übernehmen können? Oder dass es jemand gut mit uns meint, der uns bestärken und Mut machen will, damit wir als Mensch nicht auf der Strecke bleiben. Es bleibt spannend…. 


Begriffe:

  • aufgeklärter Resilienzbegriff: Katleen De Flander u.a. Resilienz und Reallabore als Schlüsselkonzepte urbaner Transformationsforschung, in Zeitschrift GAIA 3/2014
  • reflexive Resilienz: Wolfgang Bonß: Karriere und sozialwissenschaftliche Potenziale des Resilienzbegriffs, im Band Resilienz im Sozialen Seite 27
  • evolutionäre Resilienz: Studie von Robert Lukesch u.a.: Wie gehen Regionen mit Krisen um? Seite 22). 

Von Jens Lilienbecker

Was? Wie? Warum? Bei unserem Büro für Geographie und Kommunikation beschäftige ich mich mit gesellschaftlichen Trends und zeige auf Zukunft der Region Chancen und Potentiale für Regionen und Gemeinden im ländlichen Raum.

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