Das Zukunftslabor

Schon gewusst? Der Begriff „Ländlicher Raum“ gehört in die Tonne. Weil die ländlichen Räume einander immer unähnlicher werden und nicht überall Strukturschwäche herrscht. Auch die Trennung von „Stadt“ und „Land“ hat sich eigentlich überlebt. Denn im Dorf lebt kaum noch einer von der Landwirtschaft, dafür machen die Städter Urban Farming. Und durch die Digitalisierung werden sich die Verhaltensweisen weiter angleichen.

Eine neue Sicht auf den ländlichen Raum wurde daher auf der SRL-Halbjahrestagung Labor Land – Gemeinsam Strategien erkunden gefordert und die anwesenden Stadt-, Regional- und Landesplaner versuchten am 28. Juni 2019, neue Namen und Strategien für das Land zu finden. Zum Beispiel wurde vorgeschlagen, Räume nach Handlungsbedarf bzw. (weniger abschreckend formuliert) nach Potenzialen/Chancen abzugrenzen. Auch soll die Handlungskompetenz der Kommunen gestärkt und die Förderabhängigkeit abgebaut werden. Interessant ist auch der Ansatz, Akteure statt Gebietskulissen zu fördern, weil sich die Potenziale einer Region ja nicht nur aus naturräumlichen und wirtschaftlichen Grundlagen ergeben, sondern wesentlich vom Engagement der Bevölkerung abhängen. Wer noch mehr Argumente braucht, wird in den Dokumenten des AK Ländlicher Raum fündig. 

Passend zu diesem Paradigmenwechsel war der Egon-Eiermann-Bau, ein Denkmal der Industriemoderne in Apolda (22.163 Einwohner) im Weimarer Land als Tagungsort gewählt, wo die Ausstellung Stadtland noch bis zum 29. September 30 innovative Zukunftsprojekte der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen zeigt. Darunter beispielsweise die Wiederbelebung der Sommerfrische im Heimatmuseum in Döschnitz (243 Einwohner) im Schwarzatal, der Sch(l)afstall in Bedheim (588 Einwohner) bei den Gleichbergen als Beispiel für Selbstbauen auf dem Land, das Timber Prototype House auf dem Gelände vor dem Eiermannbau als Vorlage für hochmodernes zeitgenössisches Bauen oder ein Zukunftskonzept für 1.500 Hektar landwirtschaftliche Fläche in Kannawurf (783 Einwohner) im Thüringer Becken.

„Stadtland“ wurde dabei bewusst als neuer Raumbegriff eingeführt, der die besondere Raumstruktur Thüringens (viele kleine Städte und Dörfer) und den aktuellen Wandel des Verhältnisses von Stadt und Land beschreibt. Das Konzept von der „städtischen Stadt“ und vom „dörflichen Dorf“ wird aufgegeben und Thüringen als Zukunftslabor gedacht, wo man Neues ausprobieren oder anders machen kann.

Warum die alten Denkweisen gerade jetzt über den Haufen geworfen werden müssen, hat uns Martina Doehler-Behzadi, die Geschäftsführerin der IBA, auf der SRL-Tagung wie folgt erklärt:

„Weil sich die Verhältnisse ändern. Wir haben auseinanderfallende Entwicklungstendenzen, die stark in die städtischen Zentren und Agglomerationsräume hinein drängen und dazu führen, dass im ländlichen Raum, in peripheren Lagen, in der Provinz – egal wie man das nennen will – die Verhältnisse schwächer, dünner werden. Und damit stehen sehr viele Fragen auf dem Prüfstand: Es entstehen Leerstände, das sind die städtebaulichen Folgen. Es entstehen infrastrukturelle Folgen, weil Dinge nicht mehr ausgelastet und eingestellt werden. Aber es gibt mittlerweile offenbar auch mentale Folgen für die Leute, die sie reklamieren, bis hin zu einer Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte, auf die wir unbedingt reagieren müssen.“

Übrigens besteht im Sommer noch die Möglichkeit, im Eiermannbau kostenlos zu übernachten. Hotel Egon nennt sich das ungewöhnliche „Kunstprojekt“. Die Zimmerauswahl reicht vom Himmelbett bis zum CoSleeping in den ehemaligen Umkleiden, vom Zelten auf dem Freigelände bis zum Bett in der Ausstellung.


Foto: ©IBA Thüringen, Thomas Müller

Von Jens Lilienbecker

Was? Wie? Warum? Bei unserem Büro für Geographie und Kommunikation beschäftige ich mich mit gesellschaftlichen Trends und zeige auf Zukunft der Region Chancen und Potentiale für Regionen und Gemeinden im ländlichen Raum.

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