Der Coworking Space

Digitalisierung heißt auch flexibel und mobil arbeiten. Doch Kreative, Freiberufler/Selbstständige und Start-ups brauchen den analogen Austausch mit Gleichgesinnten. Daher stehen bei ihnen Arbeitsorte und -räume hoch im Kurs, in denen sie gemeinsam arbeiten und sich die gleiche Infrastruktur teilen können (Sharing Economy).

Die sogenannten Coworking Spaces sind ab 1995 in hippen Großstädten wie Berlin, Wien, San Francisco und New York entstanden (siehe Geschichte des Coworkings). Doch inzwischen gilt die Stadt nicht mehr als das Nonplusultra (stinkig, eng, laut, teuer) und Coworking wird zunehmend als Möglichkeit für Menschen gesehen, die wie in der Stadt arbeiten, aber auf dem Land leben wollen (ohne lange Verkehrswege und Stausituationen). Außerdem sind Coworking Spaces für den Tourismus interessant und ortsunabhängig Arbeitende können länger in ihrem Urlaubsort bleiben bzw. Arbeit und Freizeit kombinieren (vgl. Neue Provinz: Coworking in der Peripherie, Rural Coworking Barcamp am Ammersee und Session „Raus aus Berlin“ beim Coworking-Festival).

Das wohl berühmteste Coworking Space auf dem Land ist das Coconat in Klein Glien (75 Einwohner) mitten in Brandenburg. Weitere in Brandenburg sind die Alte Schule in Letschin (3.967 Einwohner), der Havelprater in Briest (350 Einwohner) und Dein Arbeitszimmer in Finsterwalde (16.409 Einwohner). Zudem gibt es den Alten Heuboden in Felde (2.152 Einwohner) hoch im Norden, den Schreibtisch in Prüm (5.412 Einwohner) in der Eifel und das Denkerhaus in Dießen (10.476 Einwohner) am Ammersee.

Ausführlich werden die Chancen im 2018 erschienenen Sammelband „Temporäre Konzepte – Coworking und Coliving als Perspektive für die Regionalentwicklung“ thematisiert, in dem die Autoren die zeitlich befristete Nutzung des Teilens in den Vordergrund rücken und in Orten und Räumen einen vielversprechenden Ansatz für die Regionalentwicklung sehen, wenn diese temporär sind und die Bildung von Gemeinschaften ermöglichen, ohne sich binden zu müssen (Netzwerk, Community). Außerdem können temporäre Konzepte auf die beruflich bedingte Mobilität und damit auf die räumliche Flexibilität reagieren. Und Ressourcen wie Geld, Raum und Zeit sparen.

Eine konkrete Möglichkeit wäre etwa die Zwischennutzung von bestehenden Immobilien als Coworking Space, ähnlich wie dies bei Pop-up-Restaurants funktioniert, die nur für kurze Zeit an besonderen Orten (in Industrielocations, im Freien, in Museen oder Bibliotheken, in Ladengeschäften oder in privaten Wohnungen) öffnen.

„Aus der Perspektive der Regional- und Tourismusentwicklung sind temporäre Konzepte wie Coworking (…) interessant, da sie eine innovative Möglichkeit der Verbindung von Leerstand, Innenentwicklung und neuen Arbeitsformen sind und gleichzeitig Besucher und Gäste generieren sowie das Image einer Region verändern und entwickeln können“, fassen die Herausgeber, der Tourismus-Professor Harald Pechlaner und seine Kollegin Elisa Innerhofer ihre Überlegungen auf Seite 29 des Sammelbandes zusammen.

Um das Finden und Zusammenbringen von leer stehenden Gebäuden und ländlichen Coworkern ging es in Bad Alexandersbad (959 Einwohner), Bad Berneck (4.339 Einwohner) und Bischofsgrün (1.898 Einwohner), wo auf Initiative der Künstlerkolonie Fichtelgebirge und gefördert vom Amt für Ländliche Entwicklung Bayern (ALE BZA) von September 2016 bis Februar 2018 das Modellprojekt „Kommunikations- und Prozessmanagement zum Aufbau eines Coworking Space in der ILE Gesundes Fichtelgebirge“ durchgeführt wurde (Endbericht bearbeitet von der Impulsstrategin Sabine Gollner). Start des Projektes war eine ungewöhnliche Werbeaktion „Digitale Nomaden aufm Traktor“, die „im Auftrag“ von Coworking durch die Orte tourte, um über die Vorteile des gemeinsamen Arbeitens aufzuklären. In den Gemeinden wurden dann Arbeitsgruppen gegründet und Konzepte für einen ehemaligen Gasthof (Coworking Space mit Kochlabor und Genussgarten) und eine Jugendstilvilla (Coworking Space mit Kinderbetreuung) entwickelt, die nun weiterentwickelt werden. Als erstes ist dann die Schaltzentrale im August 2017 in einer ehemaligen Fabrik für Elektrotechnik in Bad Berneck eröffnet worden, und zwar als Mix aus Coworking Space, Gewerbezentrum, Werkstätten und Logistikflächen.

Hingegen auf die Pop-up-Variante setzte die Heinrich-Böll-Stiftung bei ihrem Forschungsprojekt CoWorkLand, mit dem sie das Potenzial für Coworking im ländlichen Raum erkundete. Dazu wurde ein Übersee-Container zum mobilen Coworking Space umgebaut und von Mai bis Oktober 2018 an tolle Locations wie Gutshöfe, Strände und Dorfkerne im Osten Schleswig-Holsteins gestellt. Die Nutzung der zehn Arbeitsplätze war kostenfrei und zog nicht nur Stadtmenschen aus Kiel, Hamburg und Berlin, sondern auch Landmenschen aus den Dörfern der Umgebung an (Zwischenfazit auf smartcountry).


Foto: Lena Wenz

Von Jens Lilienbecker

Was? Wie? Warum? Bei unserem Büro für Geographie und Kommunikation beschäftige ich mich mit gesellschaftlichen Trends und zeige auf Zukunft der Region Chancen und Potentiale für Regionen und Gemeinden im ländlichen Raum.

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