Die Netzbauern

Roboter melken Kühe, Drohnen kartieren Felder und Sensoren messen den Nährstoffbedarf der Pflanzen: Die Zukunft der Landwirtschaft ist digital. Doch neben der technischen Aufrüstung ermöglicht die Digitalisierung auch neue Formen der Direktvermarktung.

Dabei geht es darum, das Netz als Marktplatz für landwirtschaftliche Produkte zu nutzen und insbesondere einen Draht zu den (städtischen) Verbrauchern aufzubauen. Ein Vorteil, den wir bereits aus der Solidarischen Landwirtschaft (SoLawi) kennen und der aktuell sogar als notwendiger Paradigmenwechsel im stationären Handel gesehen wird (die neue Retail Realität).

Warum das so ist, hat Prof. Jutta Roosen von der TU München auf Seite 4 der Studie Digitalisierung in Land- und Ernährungswirtschaft im Dezember 2017 zumindest ein bißchen angedeutet:

„Die Digitalisierung verändert die Wertschöpfungsketten in der Agrar- und Ernährungswirtschaft. Durch verstärkte Automatisierung in der Landwirtschaft fließt die Wertschöpfung tendenziell in den vor- und nachgelagerten Bereich ab. Auf der anderen Seite können Landwirte zusätzliche Absätze generieren, wenn sie in der Lage sind, den im Zuge der Digitalisierung erleichterten Kontakt zwischen Hersteller und Verbraucher durch gezielte Vermarktung zu nutzen und Konsumenten von der hohen Qualität ihrer Produkte zu überzeugen.“

Wie das praktisch umgesetzt werden kann, zeigt das vielleicht interessanteste Beispiel für die neue Direktvermarktung, die Orangenplantage Naranjas del Carmen in Bétera an der spanischen Mittelmeerküste nahe Valencia. Hier haben die beiden Brüder Gabriel und Gonzalo Urculo einen Neustart mit Bio-Orangen gewagt und 2015 das Crowdfarming erfunden. Das ist wie eine Art Crowdfunding aufgebaut, wird aber über Patenschaften als Finanzierungsbeitrag umgesetzt und ermöglicht den Paten, die Lebensmittel-Erzeugung mitzugestalten, also „Crowdfarmer“ zu werden. Als solcher kann man den eigenen Orangenbaum auf der Plantage entweder selber pflanzen oder pflanzen lassen – die frisch gepflanzten Bäumchen tragen alle Namensschilder. Im ersten Jahr werden dafür 80 Euro fällig, in jedem weiteren Folgejahr kostet es 60 Euro zuzüglich Versandkosten. Als Gegenleistung erhält man die Ernte seines persönlichen Baumes direkt nach Hause geliefert. Meist sind das um die 80 Kilogramm Ertrag. So hat der Landwirt ein kalkulierbares Einkommen und verdient statt 20 Cent vom Großhändler 75 Cent pro Kilo.

Mittlerweile ist aus der cleveren Vertriebsidee sogar eine Community-Plattform für Kaffee aus Kolumbien, Käse aus Frankreich, Balsamessig aus Italien sowie Reis, Schafskäse, Mandarinen, Granatapfel, Olivenöl, Mandeln und Merinowolle aus Spanien entstanden. Auf der Webseite kann man die verschiedenen Landwirte und ihre Produkte über Videos und Beschreibungen kennenlernen. Die adoptierte Produktionseinheit (Baum, Tier oder Teil eines Gemüsegartens) lässt sich dann virtuell im eigenen Garten bewundern und man erhält von seinem Landwirt Neuigkeiten in Bezug auf die aktuelle Ernte und Produktion.

Neben Patenschaften für Obstbäume gibt es auch ein paar Beispiele für Kuh-Patenschaften oder Kuh-Leasing, bei denen man für Futter- und Pflegegeld eine bestimmte Menge an Käse oder Molkereiprodukte bekommt.

Für Direktvermarkter ist das oben bereits erwähnte Crowdfunding besonders interessant, weil Unterstützer oft auch potentielle Kunden sind und durch die Beteiligung eine enge Kundenbeziehung zum Betrieb entstehen kann. Vorrangig geht es beim Crowdfunding aber um die Finanzierung bestimmter Agrarprojekte, wie zum Beispiel neue Maschinen, ein zusätzliches Stück Land oder einen neuen Hühnerstall, und die Unterstützer bekommen dann Lebensmittel als Gegenwert. Auch ohne spezielle Plattformen kann sich der Kunde an der Lebensmittelproduktion beteiligen. Dazu verkauft der Bauer so genannte Genussrechte in Form von Genussgutscheinen oder Aktien und zahlt das „Genussrecht“ sprichwörtlich als Naturalzins aus.

Da liegt es auf der Hand, gleich eine Art Sammelbestellung (Sharing-Economy) anzubieten: So wird beim Crowdbutching die Kuh erst geschlachtet, wenn sich genügend Fleischinteressenten für alle Teile eines Tieres gemeldet haben. So ähnlich läuft es bei Nahgenuss aus Österreich, nur dass man hier noch stärker auf die persönliche Beziehung zwischen Bauern und Konsumenten setzt. Die Bio-Fleischpakete bestellt man jeweils direkt und der Bauer kann hier noch völlig selbstständig in Bezug auf Verkaufspreis, Schlachtung und Lieferung agieren.

Mit einer tollen Idee lässt sich die Direktvermarktung auch radikal vereinfachen. Auf nearBees können Honigkäufer Imker von nebenan finden und lassen den Honig dann im flachen Honigbeutel direkt in ihren Briefkasten liefern. Ideal für die wachsende Zahl der Hobby-Imker und für Honigliebhaber, die die geschmackliche Vielfalt vom deutschen Honig entdecken wollen.

Und zu guter Letzt kann sogar ein realer Bauernmarkt der Zukunft entstehen, wenn Online-Shop und Bauernmarkt kombiniert werden. Dieses Konzept hieß früher Food Assembly (Essensgemeinschaft) und stammt ursprünglich aus Frankreich, jetzt heißt es Marktschwärmer. Man kann dort Waren online bestellen, bekommt sie allerdings nicht nach Hause geliefert, sondern holt sie einmal pro Woche auf einem extra dafür konzipertem kleinen Markt ab. So lernt man die Produzenten kennen und trifft andere Menschen, die auch wissen wollen, wo ihre Lebensmittel herkommen. Außerdem ist die Gründung einer neuen Schwärmerei möglich, falls es in der Nähe keinen Wochenmarkt gibt.


Foto CrowdFarming

Von Jens Lilienbecker

Was? Wie? Warum? Bei unserem Büro für Geographie und Kommunikation beschäftige ich mich mit gesellschaftlichen Trends und zeige auf Zukunft der Region Chancen und Potentiale für Regionen und Gemeinden im ländlichen Raum.

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